
Die Leuchtstoffröhre über dem Rückgabe-Regal im zweiten Stock flackert seit Tagen im selben Takt, gelblich, nie ganz hell. Ausgerechnet bei diesem Flackern denke ich neuerdings über den Stammes-Schaltkreis in unserer Familie nach – jenes Human-Design-Element, das bei uns fünf offenbar am lautesten spricht. Mein Familien-Reading liegt aufgeschlagen auf dem Holztisch, und ich frage mich, wie viel von dem, was wir als Nähe empfinden, eigentlich eine sehr alte Überlebensschaltung ist, die wenig damit zu tun hat, wie wir Beziehung sonst verstehen.
Der Holztisch fühlt sich noch kühl an, die Heizung im Lesesaal braucht immer am längsten, um überhaupt anzuspringen. Regula, meine Kollegin aus der Filiale Ehrenfeld, steckt kurz den Kopf zur Tür herein, weil wir unsere Schichtpläne für den Monat abgleichen müssen. Sie sieht die Charts auf meinem Tisch und lacht: „Schon wieder Stammes-Zeug?" Ich glaube, sie hält das für eine Marotte, hat aber noch nie gefragt, warum ich überhaupt damit angefangen habe.
Der Stammes-Schaltkreis erklärt, warum Nähe bei uns manchmal eng wird
Neun Zentren, verbunden durch Kanäle, aufgeteilt in drei große Schaltkreisgruppen – individuell, kollektiv, und eben der Stamm. Im individuellen Bereich geht es um die eigene Entfaltung, im kollektiven um Ideen und Austausch. Der Stammes-Schaltkreis dagegen handelt von Support, von Verträgen, vom nackten Überleben der Gruppe. Seine Botschaft, grob übersetzt: Ich sorge für dich, wenn du für mich sorgst.
Klingt trocken. Ist es auch, bis man die eigene Familie hineinliest.
Bei uns fällt mir das sonntags am Mittagstisch auf: zu viel Essen, ungefragte Ratschläge, und dieser leise Druck, dass am Ende alle einer Meinung sein sollen. Im Rahmen des Stammes-Schaltkreises ist das kein Kontrollzwang. Es ist die Mechanik des Zusammenhalts. Die 64 Tore, die auf das alte I-Ging zurückgehen, erzählen von Fürsorge, aber auch von Exklusivität. Der Stamm schützt seine Leute – und er verlangt Loyalität dafür.

Ben wird kurz vor sechs auf einmal ruhig
Seit etwa vier Wochen schreibe ich genauer mit, wann bei uns abends der Stammes-Sog einsetzt. Neulich kam Ben zehn vor sechs still aus seinem Zimmer, noch bevor die übliche Unruhe um sechs überhaupt losging – kein Türknallen, kein Quengeln, einfach ruhig. Früher hätte ich das als Zufall abgetan. Jetzt schaue ich in seinen Chart und frage mich, was an diesem Tag anders war.
Ich dachte zuerst, er sei einfach müde genug gewesen, um durchzuhängen. Aber dann fiel mir auf: Es war kein Durchhängen, es war Ruhe. Vielleicht, weil an diesem Tag weniger Leute im Raum waren – weniger Stammes-Feld, das er abends entladen muss. Sein Wurzelzentrum spare ich mir hier im Detail, aber Druck und Entladung spielen bei ihm offensichtlich eine Rolle. Als kleiner Generator wartet er ohnehin öfter, als ihm guttut, bis endlich etwas passiert, das zu ihm passt.
Wenn Unterstützung zur Last wird
Freitags ist Markttag in Sülz, und Mama besteht darauf, dass wir gemeinsam jeden Stand abgehen, auch wenn Linn längst zum nächsten will und Ben quengelt. Für sie ist das keine Schikane. Es ist ihre Art, den Stamm energetisch zusammenzuhalten – ihre Genetik, die nach Struktur ruft, wie ich es inzwischen lese. Jonas steht meist vermittelnd dazwischen, ruhig wie ein Fels, während Tilman schon nach fünf Minuten die Augen verdreht.
Bevor Jonas mir das Familien-Reading schenkte, waren wir einmal bei der städtischen Familienberatungsstelle. Nett, kompetent, aber die Tipps dort waren für alle Familien gleich gedacht – kommunizieren, Zeitfenster einplanen, Regeln absprechen. Bei uns halfen sie kaum, weil niemand erklärte, warum ausgerechnet meine Mutter nicht warten kann, bis ein Kind fertig geantwortet hat, oder warum Linn nach der Schule oft wie leergelaufen wirkt. Das Reading hat mir dafür wenigstens ein Vokabular gegeben.
Ein stark ausgeprägter Stammes-Schaltkreis wird in der Literatur gerne als Garant für Familienfrieden verkauft. Meine Beobachtung ist vorsichtiger: Er kann den Zusammenhalt auch schwächen, wenn der Loyalitätsdruck jede eigene Entwicklung erstickt. Sobald „wir als Familie" wichtiger wird als der einzelne Mensch am Tisch, kippt Fürsorge in Abhängigkeit. Das gilt übrigens auch, wenn wir als Penta im Human Design zusammenkommen – die Dynamik verschiebt sich, sobald wir zu fünft in einem Raum sind, ganz anders als zu zweit oder zu dritt.
Die alten Verträge des Stammes neu verhandeln
Was Ben abends braucht, ist oft schlicht ein Ventil – eine Runde ums Karree mit Jonas reicht manchmal schon, um die Sakral-Energie loszuwerden, die sich im Familienfeld aufgestaut hat. Wir sind erschöpfte Eltern mit einem undefinierten Sakralzentrum, die versuchen, mit der Kraft der Kinder mitzuhalten, ohne zu merken, dass wir uns im Stammes-Feld gegenseitig auslaugen.
Linn braucht nach der Schule oft eine Weile für sich, bevor sie überhaupt ansprechbar ist – ihre 2er-Linie im Profil erklärt einiges davon, auch wenn ich das an anderer Stelle ausführlicher aufgeschrieben habe. Wenn wir das wissen, können wir den Stammesdruck – „erzähl doch mal, wie war's" – bewusst rausnehmen, statt ihn wie selbstverständlich draufzulegen.
Vor ein paar Tagen kam wieder eine Postkarte von Florinde, einer Leserin aus Münster mit drei Kindern, die mir schreibt, wenn ein Artikel bei ihr etwas auslöst. Diesmal ging es um genau diesen Loyalitätsdruck zwischen den Generationen – sie erkannte ihre eigene Großmutter darin wieder.
Seit gut einem Jahr lese ich jetzt Charts neben dem Bibliotheksalltag, und die Verträge des Stammes ändern sich dadurch nicht automatisch. Was sich ändert, ist, wie wenig ich die Reibung noch persönlich nehme. Der Stamm schützt genauso, wie er einengt – und die eine Regel, die bei uns inzwischen hilft, ist simpel: jedem Menschen am Tisch so viel Raum lassen, wie er braucht, um später freiwillig wieder zurückzukommen.