Familienspiegel

Inkarnationskreuz Human Design Bedeutung: Unsere Bestimmung als Familie finden

Eine Leserin schiebt mir drei Ratgeber über den Tresen und sagt, sie habe jetzt endlich ihre Bestimmung gefunden. Ich stemple die Bücher, ohne aufzusehen, und denke an die Mails, die im Postfach der Bibliothek liegen - Leute, die wissen wollen, was ihr Inkarnationskreuz über den Sinn ihres Lebens verrät. Das Wort 'Bestimmung' klebt an diesem Human-Design-Konzept wie ein Aufkleber, der nicht mehr abgeht. Und der Aufkleber lügt ein bisschen. Ein Inkarnationskreuz ist kein Ziel, das man findet und abhakt. Es ist eher ein Unterton, der in einer Human-Design-Familie wie unserer - fünf Menschen, fünf komplett verschiedene Charts - ständig mitläuft, ob man ihn hört oder nicht.

Brigida Kaul, eine Lehrerin aus Basel, hat mir vor Kurzem genau danach gefragt - ein Thema, das ich hier noch nicht behandelt hatte. Ich kritzle mir das Stichwort auf einen Zettel, der Kugelschreiber kratzt beim schnellen Schreiben übers Papier, draußen rauscht eine Straßenbahn vorbei. Grund genug, das Missverständnis einmal auseinanderzunehmen.

Was, wenn Bestimmung kein Ziel ist?

Das Missverständnis kommt meistens aus derselben Ecke: 'Finde deine Bestimmung!', steht dann auf einem Workshop-Flyer, mit einem Foto von jemandem, der bei Sonnenuntergang die Arme ausbreitet. Als hätte man ausgesorgt, sobald man den Namen seines Kreuzes kennt. Bei uns am Frühstückstisch funktioniert das nicht so. Fünf Menschen mit fünf unterschiedlichen Grundthemen sitzen da, und keins davon lässt sich abhaken.

Was stattdessen hilft: nicht fragen, was ich noch erreichen muss, sondern woran ich sowieso ständig anecke - und das nicht länger als Fehler werten.

Ein Inkarnationskreuz ist kein Ziel, das man erreicht

In der Bibliothek würde ich sagen: Der Human-Design-Typ ist das Genre eines Buches - Krimi, Sachbuch, Kochbuch. Das Inkarnationskreuz ist eher der Ton, in dem das Buch geschrieben ist, unabhängig vom Genre. Es setzt sich aus ein paar Positionen in deinem Chart zusammen, die letztlich auf uraltes chinesisches Orakelwissen zurückgehen, das I-Ging. Mehr Mechanik braucht es nicht, um im Alltag etwas damit anzufangen.

Wichtiger ist: Es ist kein Preis, den man gewinnt, wenn man sein Leben richtig gelebt hat. Es ist einfach da, von Anfang an, ob man hinschaut oder nicht. Im Familien-Reading taucht es meist als Randnotiz auf, nach den Typen und den Zentren - dabei ist es der Teil, der am meisten mit Selbstfindung zu tun hat, gerade bei uns Eltern, mit der Frage 'Wer bin ich eigentlich', wenn gerade niemand fragt.

Der Generationenkonflikt, der keiner ist

Mit Mama merke ich das am deutlichsten. Ich dachte lange, unsere Reibung bei Erziehungsfragen läge einfach daran, dass sich zwei Generationen nicht einig werden. Aber es liegt tiefer. Ihr Kreuz drängt sie dazu, im Moment zu reagieren, neue Impulse zu setzen, ohne lange abzuwägen. Ihre emotionale Autorität - die Welle, die erst kommen und wieder abklingen muss, bevor eine Entscheidung feststeht - tickt in einem anderen Rhythmus als meine.

Mein Bruder Tilman widerspricht uns dabei routinemäßig, einfach weil sein Profil-Muster ständig etwas ausprobieren und wieder verwerfen will. Wenn ich das sehe, wird aus 'Mama hat schon wieder keinen Plan' ein neutraleres 'Mama lebt gerade ihre Bestimmung, und die sieht anders aus als meine'.

Linn und Ben am Decksteiner Weiher

Am Decksteiner Weiher sieht man den Unterschied zwischen den beiden am deutlichsten. Linn setzt sich auf eine Bank und beobachtet die Enten, eine Viertelstunde lang, ohne ein Wort. Ben dagegen rennt am Ufer entlang und testet, wie nah er ans Wasser kommt, bevor ich eingreife - agiert einfach, fragt später, fast wie ein kleiner Manifestor.

Früher hätte ich gesagt: Linn ist müde, Ben ist wild. Inzwischen sehe ich darin eher zwei offene Zentren, die auf völlig unterschiedliche Weise mit fremdem Druck umgehen - bei Linn wie ein Milzzentrum, das erst in der Stille sortiert, was der Schultag an Reizen hinterlassen hat, bei Ben wie ein Wurzelzentrum, das jede Anspannung im Raum sofort in Bewegung umsetzt. Keins davon ist ein Problem, das behoben werden muss. Es sind einfach unterschiedliche Kanäle, über die das Talent der beiden nach außen drängt.

Ein paar Tage vorher, dienstags am Frühstückstisch, hatte sich das schon einmal anders gezeigt: Linn saß eine ganze Weile stumm über ihrem Toast, dann kamen plötzlich drei Sätze hintereinander, ohne Pause dazwischen - als hätte sie sie im Kopf schon fertig gehabt, bevor sie den Mund aufmachte. Kein Zufall, wenn man weiß, wonach man schaut.

Die Reibung einfach zulassen

Vor ein paar Wochen habe ich es mit dem Buch 'Schatzsuche statt Fehlerfahndung' versucht - eine Woche lang jeden Abend nur das benannt, was am Tag gut gelaufen war. Nach der Woche lag das Buch wieder im Rückgabestapel, und der Ton am Tisch hatte sich kaum verändert. Nicht, weil die Idee falsch war, sondern weil sie an der eigentlichen Reibung vorbeizielte.

Wir fünf sind keine Einheit, die sich mit der richtigen Methode glattbügeln lässt. Wir sind fünf verschiedene Typen - Generator, Projektor und was auch immer die Kinder in ein paar Jahren an Struktur zeigen -, die sich in einem Haus die Energie teilen müssen. Manche Definitionen in so einem Chart sind gespalten und brauchen ein Gegenüber, damit sich der Kreis schließt; bei uns passiert das oft erst, wenn alle fünf am Tisch sitzen, nicht nur zwei. Darüber schreibe ich mehr, wenn wir über die Penta-Dynamik bei Familienbesuchen sprechen, oder wenn es um die erschöpfte Eltern mit unseren Energien geht - das Inkarnationskreuz ist nur eine Schicht von mehreren.

Meine Freundin Mirca, mit der ich jeden zweiten Sonntag telefoniere, hat neulich lachend gefragt, ob ich mittlerweile jede Familienszene durchs Chart lese. Nicht jede. Aber manchmal erinnert sie mich an eine Version von uns, die es schon vor jedem Chart gab - das hilft, das Kreuz nicht zu ernst zu nehmen.

Ein Inkarnationskreuz zu kennen ändert am Frühstückstisch erst mal nichts. Aber es ändert, wie man später darüber redet. Bestimmung ist kein Ziel, das am Ende einer Woche abgehakt wird. Bestimmung ist die Erlaubnis, dass fünf Menschen an einem Tisch fünf verschiedene Richtungen ziehen dürfen - und trotzdem zusammen frühstücken.

Natürlich ersetzt so ein Chart keine Familientherapie oder pädagogische Beratung. Wenn es bei uns wirklich kracht, nicht nur 'Mama-hat-wieder-keinen-Plan'-Chaos, wissen wir, dass wir uns fachliche Hilfe holen müssen. Für den Alltag zwischen Bibliothek und Frühstückstisch reicht es oft schon, die Reibung als das zu sehen, was sie ist: fünf verschiedene Bestimmungen, die an einem Tisch Platz finden müssen.

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